Anholter Geschichten

Auf diesen Seiten schildern wir Geschichten rund um Anholt. Erlebnisse während der Kindheit, Ereignisse an die wir uns gerne erinnern!


Weißt du  noch, damals.....

Wenn abends die große Glocke am Kirchberg erklang....











 1. Wenn  abends um 18.00 Uhr die Glocke erklang...

da durften wir Kinder noch Stunden allein und ohne elterliche Aufsicht draußen spielen.

Die gesamte Stadt, das Gebiet um die Wasserburg, der Wall, die Schneidkuhle, Stadtbruch – wir waren überall zu finden. Auf dem Wall spielten wir Cowboy und Indianer, erkletterten jeden Baum, gleich welche Höhe er hatte, bauten harmlose „Fällekes“ wo hinein die „Anderen“ treten sollten. Auf der Schneidkuhle spielten wir Fußball oder „Köppen“, die Mädchen oftmals „Hinkeln“ oder Gummitwist.
Im Stadtgraben, bis auf dessen Grund wir damals schauen konnten, fingen wir Stichlinge und Kaulquappen mit Einmachgläsern, die wir unserer Mutter stibitzt hatten.
A B E R wenn abends um 18:00 Uhr die Kirchenglocke auf dem Wall läutete, hatte alles Schöne ein Ende. Das Glockenläuten sagte uns unmissverständlich: Jetzt musst du nach Hause!
Zu Hause warteten die Eltern mit dem Abendbrot. Und es ging gar nicht, dass man fürs ZuSpätKommen die Ausrede benutzte, die Glocke nicht gehört zu haben.
Das wussten unsere Eltern, denn die waren selber einmal Kind und wussten was die Glocke geschlagen hatte.

 

  


2. Kinderschützenfest in Anholt
















Ideen hatten sie früher, unsere Eltern. Das stellten sie unter Beweis, als sie gemeinsam mit dem Kindergarten und dem Anholter Tambourcorps das Kinderschützenfest für die Kinder des Entlassjahrgangs ins Leben riefen.

Ehrlich gesagt hatten wir auch keine Lust mehr auf malen, basteln, kleben!

Wir waren nun groß, auf uns warteten andere Aufgaben!

Hat man uns damals ja auch bestätigt:

„Oh, du bist aber groß geworden. Kommst ja auch dieses Jahr in die „große“ Schule! Freust du dich schon?“

Nun, das mit dem Freuen war so eine Sache. 

Auch unser König wurde per „Königsschuss“ ermittelt.

Mit einem Ball warfen die Jungen den im Baum befestigten Pappvogel ab. 

Je nach Aufregung und Treffsicherheit zog sich das schon mal einige Zeit hin.

War der Vogel endlich gefallen, erwählte der König seine Königin aus den Reihen der geduldig wartenden Mädchen.

Alle übrigen Jungen und Mädchen bildeten den Thron. 

 


Am Tag des Kinderschützenfestes war halb Anholt auf den Beinen. 

Festlich gekleidet und gut gelaunt stand das Königspaar mit seinem Thron vor dem Rathaus. 

Hier sorgte der obligatorische Zylinder  für den nötigen Größenausgleich und das Bild war perfekt.

Schwester Lisiana und ihre Helferinnen trugen für einen reibungslosen Ablauf bei und wir hatten das Gefühl, dass unser Schützenfest einfach grandioser war als das der Großen.

 Für das Kinderschützenfest wurden wir festlich „aufgehübscht“. 

Die „Sonntagsen Sachen“ , weiße von Mutter noch gebleichte Kniestrümpfe und die guten auf Hochglanz polierten Schuhe an, nahm man vor dem Rathaus die Parade ab. Die perfekten  Bügelfalten gaben der Königs-Hose den nötigen Kniff und zahlreiche Petticoats ließen das Ballkleid der Königin schön ausladend fallen.  













Auf die Parade folgte der Umzug durch die Stadt. 

Wir standen den Erwachsenen in Nichts nach, und falls wir nicht weiter wussten war Fräulein Linders war zur Stelle.

Viele Geschwister ließen es sich nicht nehmen, Bruder oder Schwester den Weg über zu begleiten und so gehörten sie in einem gewissen Sinne, ebenfalls dazu. So war das eben in Anholt.

Die große Feier fand bei Venderbosch in Vehlingen statt und damit auch alle Kinder den Weg dorthin schafften, wurden sie teilweise mit Pferd und Wagen in den festlichen Umzug mit eingereiht. Damals verlief der Weg noch die alte Straße entlang der Runden Bank.














Im Vordergrund der Polizeibeamte Schnieder, dahinter links sieht man den jungen Rudi Riverein, der später ein langjähriges Mitglied des Grenzland Tambourcorps war, dahinter seinen Vater. Die lange Schlange der Beteiligten zeigt die Wichtigkeit des Ereignisses an.

Fräulein Irmgard Linders beaufsichtigte den Festzug, mit dem Ablauf des Geschehens bestens vertraut.
















3. Schulzeit in der katholischen Volksschule in Anholt




Anholter















Großartig vorbereitet wurden wir auf die Schule nicht, wer schon etwas lesen, schreiben oder rechnen konnte hatte sich das aus eigenem Willen zu Hause angeeignet.

Vater kaufte den Schultornister – es sei denn, wir übernahmen den Tornister von einem älteren Geschwisterkind, was durchaus üblich war.
Die Entscheidung welche Farbe, Marke, welches Motiv mussten wir nicht treffen! 

Es gab Leder, einfarbig, ein Fach; zum Verschließen entweder mit zwei Schnallen oder mit einem modernen Klickverschluss, zwei Trageriemen, um den Tornister zu schultern. 



Mutter war für den Inhalt verantwortlich: die Schiefertafel mit dem Putzlappen, dem Schwämmchen und dem Griffel. 

Das Lesebuch, das Rechenbuch und natürlich das Pausenbrot, eingewickelt in Butterbrotpapier. 

Am Tag der Einschulung wurden wir zu Hause von Mutter aufgehübscht, bekamen letzte Benimm-Hinweise und – was für uns natürlich das Wichtigste war – die Schultüte!
Nicht selbst gebastelt, aber dafür selbst gefüllt von Mutter mit Süßigkeiten.


Wir saßen auf den alten Bänken die fest mit den Pulten, die noch das Tintenfass in der oberen Leiste hatten, verbunden waren. Da war nix mit Stühle wackeln…

Wir lernten schreiben, Schönschreiben, um genau zu sein.
Buchstaben, einer schöner wie der andere, reihenweise, seitenweise… hefteweise. 

Wir haben gerechnet:
1 + 1 = 2     1 und 1 sind 2,
5 – 2 = 3      5 weniger 2 sind 3,
3 x 3 = 9      3 mal 3 sind 9,
10 : 5 = 2   10 geteilt durch 5 sind 2. 

Unterrichtet wurden wir ebenfalls in Heimatkunde, Musik, Handarbeiten oder Werken, „Turnen“ - Sport und Religion.

 Heimatkunde war in Ordnung, schließlich kannte man all die alten Geschichten von Opa und Oma.

Schloß (eigentlich ja Wasserburg), Schlossgarten, Wall und Stadt waren uns so vertraut wie unsere Westentasche.
Man war halt Anholter mit Leib und Seele!

Musik bedeutete Singen, Noten lernen, Geigenspiel von Herrn Schwitalla.
Als Herr Maillard an unsere Schule kam, lehrte er uns wie man Blockflöte spielte und wenn er uns belohnen wollte, holte er sein Banjo hervor und spielte für uns, eine gern gesehene Abwechslung im Schulalltag. 



Laut Lehrplan der 60iger Jahren wurden die Mädchen in Handarbeit und die Jungen in Werken unterrichtet.
„Pottlappen“ häkeln, also Topflappen, war angesagt.

Den Spaß holte man sich dabei durch die unterschiedliche Farbgestaltung, weiß, rot, grün, gelb und blau standen zur Auswahl. 

Häkelnadel Stärke Nr. 3 war Standart, ebenso wie die verkrampften Finger. 

Auslassen einer Masche veränderte die Form des Lappens, man musste alles wieder bis zum Fehler aufribbeln und neu häkeln. 

Zum Schluss wurde der „Pottlappen“ mit „Mausezähnchen“ verziert.


Wir nähten unterschiedliche Knöpfe an ein Trockentuch, stopften Vaters ausrangierte Socken und versuchten den Kreuzstich auf Schülerleinen.

Die Jungen werkelten mit Holz, bastelten Drachen, bauten kleine Boote… schnitzten, hobelten, sägten. 


Nach Beendigung der Pause mussten wir den kritischen Augen des Hausmeisters während der üblichen „Mattenkontrolle“ standhalten.  

Sicher wird sich daran jeder erinnern.

Disziplin und Erziehung wurden zu jener Zeit noch als vorrangige Aufgaben in der Schule angesehen. 

Wir standen auf, wenn die Lehrperson den Klassenraum betrat und wünschten laut gemeinsam „Guten Morgen“. 

Wir hatten still zu sitzen, dem Unterricht zu folgen und nicht mit dem Nachbarn zu schwätzen. 

Manch einer wird in seinem Zeugnis den Eintrag haben: „ ... stört und schwätz sehr viel!“


Auch wurde das Lineal nicht immer nur zum Ziehen gerader Linien benutzt und der Zeigestock wurde öfter zum „Knüppel aus dem Sack“.


Zum Glück ließ das nach und ist dann generell verboten worden.

Nachsitzen und Strafarbeiten gehörten ebenfalls zu den gängigen Erziehungsmethoden.


Wusste sich der Lehrer nicht zu helfen, bekam man das Nachsitzen aufgebrummt, wurde nach seinem regulären Schulschluss für zusätzliche Stunden in eine andere Klasse gesetzt. 

Hatte man Glück, musste man nur die Zeit absitzen. 

Meinte das Schicksal es nicht so gut mit einem, dann war noch zusätzliche Strafarbeit angesagt.
„Ich darf während des Unterrichts nicht schwätzen“ oder „Ich muss täglich meine Hausarbeiten machen“ musste dann 100 Mal geschrieben werden. 


Religion unterrichtete meistens der katholische Geistliche der Gemeinde. 

Er brachte uns die 10 Gebote und deren Auslegung näher, erzählte von Jesus und Maria, dass Jesus aus Wasser Wein machen konnte…

Turnen war wohl das Lieblingsfach vieler, wobei eine Turnhalle ja nicht vorhanden war.

Unser Sportunterricht fand auf der Schneidkuhle statt. 

Zum Aufwärmen liefen wir Runde um Runde um die Schneidkuhle, wurden anschließend in Mädchen und Jungen aufgeteilt.


Die Jungen spielten Fußball, die Mädchen Schlagball oder Korbball.

Nachdem man sich als Erstklässler eingelebt hatte, war man mit den sozialen Gepflogenheiten der Schule vertraut.


Die älteren Schüler hatten immer den Vorrang, unser Respekt war denen sicher.


Die älteren Mädchen flanierten Arm in Arm in den Pausen auf den Wegen der Schneidkuhle und auch hier kam man besser niemanden in die Quere. 


Ein altes Schülerpult, wohl aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts und eine "Rechenhilfe" - die "Kugelrechenmaschine" ein Abakus.


Beides sind Ausstellungsstücke des Heimatvereins.

Alte Schieferplatten auf die man damals schrieb. Sie erfüllten ihren Nutzen - auch ohne Linien und Kästchen.

 

Hier sehen wir die Griffelmulden und das aufklappbare Tintenfass. 

Wie viele Kinder mögen an diesem Pult gesessen haben.... 






Kniestrümpfe und Lederhosen

                                        … der Frühling ist da!

Kindheit im Anholt der 60iger Jahre
















In den 60iger Jahren waren die Jahreszeiten noch ausgeprägt vorhanden. Winter war  Schnee, Eis und Kälte; Sommer war Sonnenschein, warmes Wetter und das Familienleben fand größtenteils im eigenen Garten, Innenhof oder auf der Terrasse statt. Im Frühling stand die Arbeit im Garten und auf dem Land an. Im Herbst wurde geerntet, eingemacht, geschlachtet – man bereitete sich auf den langen Winter vor. 

 

Stichtag für das lang erwartete Wechseln von Winter auf Frühling/Sommerkleidung war für die meisten Familie das Osterfest, manches Mal sogar schon der Palmsonntag.

Mutter holte dann die Frühlings- und Sommergarderobe hervor, die Wintersachen wurden eingemottet. Oftmals war dafür ein extra Schrank auf dem Dachboden vorhanden, bestückt mit diesen kleinen roten, äußerst kräftig muffig riechenden Mottenkugeln.

Kein Wunder, dass sich da keine Motte heranwagte, den Geruch verliert man nicht aus seinem Gedächtnis.

 

Wie gesagt, der Wechsel auf leichtere Bekleidung war für Ostern angesagt. Kniestrümpfe und kurze Buxen waren nun die angesagten Kleidungsstücke, auch für Mädchen. Wer denn gar nicht anders wollte oder konnte, trug als Mädchen dann eben den leichten Rock oder das von Oma gestrickte Trägerkleid.

Praktischer weise war dieses gestrickte Trägerkleid durch die beiden Trägern höhenverstellbar und das Material Wolle eben dehnbar und somit geeignet, dich auf Jahre hinaus als Kleidungsstück zu begleiten.

 

Um dennoch vor Erkältungen und Blasenentzündungen geschützt zu sein, war mit dem Tragen der kurzen Hosen und der Röcke das Tragen der von Oma und Mutter selbstgestrickten Wollunterhosen Pflicht!

Und das Versprechen, sich immer in der Sonne und niiieeee im Schatten aufzuhalten. Eine Erinnerung, die ich mit meiner Freundin aus der Volksschulzeit teile.

 

Damit es nicht langweilig wirkte, gab es die dann in sämtlichen Farben, passend zu deiner Garderobe. Ein weißes Gummiband sorgte für den Sitz und auch hier galt, die Hose konnte dich deine ganze Kindheit über begleiten, je nach dem wie viel Spiel das Gummiband hatte. Konntest du die neue Wollhose zu Anfang  fast bis unter die Arme hochziehen (Hauptsache, du zogst sie überhaupt an), so saß sie am Ende nach Jahren des Tragens passend auf der Hüfte.

Und auch hier wurden mehrere Geschwister mit derselben Wollhose groß. Nachhaltigkeit wurde damals praktiziert, an die Bedürftigkeit des Krieges erinnerte man sich noch zu genau.

Gummistiefel waren ebenfalls unentbehrliches Schuhwerk wenn wir nachmittags ströpen gingen.

Gleich welches Wetter herrschte, ströpen ging immer. Gummistiefel waren notwendig, denn überall gab es Gräben und Tümpel.

Im Hochsommer kamen noch ein Paar Sandalen dazu, dann war es warm und meistens liefen wir – wir waren ja nicht unter Aufsicht – barfuss. Die Sandalen und Kniestrümpfe legten wir ab, stellten sie an einen sicheren Ort  und zogen sie erst wieder für den Heimweg an.

Turnschuhe – damals noch die blauen aus Stoffe mit den weißen Nähten und der dünnen Gummisohle, trugen wir, wie der Name es schon sagt, nur zum Turnen.

 

Kniestrümpfe gab es damals für Jungen und Mädchen extra, „Unisex“ war unbekannt.

Die Mädchen trugen eben die in den Farben weiß, rosa, rot, hellgelb, hellblau, mit Blümchen ,

gehäkelte mit Spitzenmuster usw. es sei denn, dunkel passte zum Rock.











Die weißen Kniestrümpfe waren aus reiner Baumwolle und wurden mit der Kochwäsche gewaschen, falls das Mädel doch versehentlich in eine Pfütze getreten war.

Das hatte zur Folge, dass gerade diese Kniestrümpfe sich beim Tragen fein in Falten um dein Fußgelenk kringelten.

Die Jungen trugen dunkle Farben, dunkelblau, grün, braun und derbe Muster.

Die kurzen Buxen waren damals meistens Lederhosen, schwarze mit grün abgesetzten Trägern und einem Brustriemen, mit Schnallen höhenverstellbar. Strapazierfähig ohne Ende – nicht kaputt zu bekommen. Gepflegt wurden sie mit einem Baumwolllappen und Lederfett.

Auch für Mädchen gab es eine Ausführung in dunkelrot und an den Trägern waren die Schnallen extra mit Herzchen verziert. 

Sonntags machte man sich besonders fein.

So gab es extra „Sonntagse Kleidung“ die wir eben nur an den Sonn- und Feiertagen anzogen.


 Kinder der Nachbarschaft Gendringer Straße 

 

 Am Sonntagmorgen besuchte die gesamte katholische Familie – nüchtern  ohne Frühstück – die 8:00 Uhr Messe in der St. Pankratius Pfarrkirche. Wer zur Kommunion gehen wollte, musste dies eben nüchtern tun.

Lies das Wetter es zu, kam man aus den Bauerschaften per Fahrrad. Anreise mit dem Auto war unnötiger Luxus.

  

In der Kirche gab es nun eine traditionelle Sitzordnung: rechts und links im Seitenschiff saßen ältere Leute, alleinstehende ältere Frauen, oder Nonnen aus dem Augustahospital, gehbehinderte Menschen, Kirchendiener die mit dem Klingelbeutel die Kollekte einholten.

Im Mittelschiff vorne links saßen in den ersten Reihen die Jungen, im Mittelschiff vorne rechts die Mädchen.

Dann folgten die erwachsenen Frauen. Nur alte und behinderte Männer saßen in den Bänken. Die Männer standen hinten hinter den Sitzbänken, vor den großen Glastüren die den Gebetsraum vom Foyer trennen.

Hinten gab es dann beidseitig noch die Kapellen, rechts die Marienkapelle, links die Taufkapelle.

 

Nach der heiligen Messe wechselten wir kurz ein paar Worte mit Familie, Freunden und Bekannten und gingen dann heim zum Frühstück.

Diejenigen, die um 10:00 Uhr die Messe besuchten, gingen als Familie zwar gemeinsam hin aber getrennt zurück. Die Männer und erwachsenen Jungen der Familie absolvierten den sonntäglichen Frühschoppen in einem der Gasthäuser und fanden  erst zum sonntäglichen Mittagessen nach Hause.

 

Zu hause durften wir  in unsere geliebten Alltagskleider schlüpfen,  im Garten im eigenen Hinkelpott mit der sandgefüllten Erdal-, Atrix - oder Niveadose hinkeln, im Sandkasten oder auf dem Rasen Fußball und Kopfball spielen und mit den Puppen und Puppenwagen unseren eigenen Sonntag zelebrieren.

 

 5. Lesen ist ein Abenteuer!














Kurt Flanz! 

Erinnert ihr den gutmütigen, älteren Herrn mit der sanften Stimme? 

Stets hatte er ein Lächeln auf dem Gesicht. 

Generationen von Anholter Kindern haben ihn schätzen gelernt. Ihn und sein Bemühen, jedem von uns den gewünschten Lesestoff zu bieten. 

 Trotz beengter Räumlichkeiten auf der Gendringer Strasse,  hatte er ein gut sortiertes Angebot an Büchern. In den Regalen standen Kinder - und Jugendbücher, Liebesromane, Krimis, Kochbücher, Handarbeitsanleitungen aber auch Sagen und Märchen, Legenden und vereinzelt auch Sach - und Fachbücher, sowie jede Ausgabe des Jahrbuches des Kreises Borken. "Dicke Schinken" mit Texten und Fotos über Anholter Geschichte durften auch nicht fehlen. 

 Gehbehindert durch eine Kriegsverletzung, war er in den engen Räumen auf die Mithilfe älterer Mädchen angewiesen, ihm die Wege in den beengten Räumlichkeiten abzunehmen, wenn zurück gebrachte Bücher wieder in die Regale einsortiert werden mussten. 

 Es war schon eine Ehre, wenn man den Büchereidienst bei Herrn Flanz versehen durfte. 

 Wir lasen Bücher wie: das hässliche Entlein, Grimms Märchen, 1.000 und eine Nacht, Goldköpfchen, Hanni und Nanni; Schneider Bücher mit jugendlicher Thematik - die Mädchen über die ersten Romanzen, die Jungen lasen Abenteuer Geschichten von Indianern und Cowboys, alten Rittern, Piraten und Fussballern. Unsere damalige Erziehung lief noch sehr geschlechtsorientiert ab. 

 Die auszuleihenden Bücher wurden von Herrn Flanz in unser persönliches Büchereiheftchen mit Registernummer und Rückgabedatum eingetragen, der Ausleihzeitraum umfasste meist 4 Wochen. Den Titel des Buches mussten wir selber vor dessen Rückgabe hinzufügen. Hatte man das Buch zum Abgabetermin nicht ausgelesen, so konnten wir es verlängern lassen. Kritisch wurde es, wenn man den Abgabetermin um Wochen verschluderte. Dann war Strafe zahlen angesagt. Aber immer nur geringe Beträge, die wir mit unserem Taschengeld begleichen konnten. 

Mit Sicherheit gibt es einige Leseratten unter euch die behaupten können, nahezu alle Bücher der Bücherei gelesen zu haben! 



Kinderkommunion in Anholt

Die 1. Heilige Kommunion war früher für uns Kinder und unsere ganze Familie eine große Sache.

Fast alle Kinder der Klassen des entsprechenden Jahrgangs, es war der 3.,gingen früher gemeinsam zur 1. Heiligen Kommunion in Anholt, oftmals über 50 Kinder.

Außerhalb des Schulunterrichts wurden wir durch freiwillige Katecheten der Pfarrgemeinde unterrichtet. Den letzten Schliff bekamen wir von Pfarrer Wilmsen. Von ihm bekamen wir den Beichtunterricht und er erklärte uns die Wichtigkeit der 10 Gebote.

In der Kirche übten wir dann gemeinsam das Beichten. Über 50 Kinder waren zu diesen Beichtübungen anwesend! Mädchen und Jungen, in Bankreihen getrennt voneinander sitzend und betend. Das „Vater Unser“ und das „Ave Maria“….

Wenn man es denn auswendig daher sagen konnte. Dafür hatten meistens die Mutter oder die Großmutter daheim gesorgt. Zur damaligen Zeit sprach man auch noch fast in jedem Haus das Tischgebet.

50 Kinder ließen sich auch zur damaligen Zeit nicht wirklich über Stunden in der Kirche stillhalten. Darum standen wir unter Aufsicht! Meistens war Frau Ringert anwesend und mit Hingabe bei der Sache. Es gab kein unvorbereitetes Kommunionkind in unseren Reihen! Jede*r von uns beherrschte nachher das Beichten perfekt. Wir kannten die 10 Gebote nach denen wir unsere Beichte ausrichteten und die Gebete zur Buße, das Vater Unser und das Ave-Maria.

Die 1. Heilige Kommunion war bei den katholischen Anholten eine sehr wichtige Angelegenheit. Da verstand man keinen Spaß, letztendlich war daran die gesamte engere und weitere Familie beteiligt.




















Das obige Foto zeigt die Kinder, die 1959 zur Erstkommunion gingen.

Um dem ganzen Geschehen auch den würdigen Rahmen zu geben, wurde meistens vorher noch das heimische Wohnzimmer renoviert, gemalert oder tapeziert. Die Teppiche kamen nach draußen, wurden auf dem Rasen geschrubbt, die Gardinen und Vorhänge gewaschen, die weiße Tischwäsche hervorgeholt, das gute Porzellan auf den Tisch gestellt. Wir hatten eins mit Goldrand, mit extra Tassen für Tee und Kaffee und Großmutters gutes Silberbesteck komplettierte die Festtafel.

Eine strenge Gästeliste, nach der unsere Verwandten zum Familienfest eingeladen wurden, regelte mitbestimmend den Tagesablauf. Meine Eltern, Bruder und Schwester, meine beiden noch lebenden Großmütter und ein Großvater bildeten die Kernfamilie. Zu jener Zeit waren oftmals die Großeltern die Taufpaten, die selbstverständlich an der kirchlichen Kommunionfeier teilnahmen. Bei mir war es die Großmutter väterlicherseits und der Großvater mütterlicherseits. In der Pfarrkirche wurde somit für unsere Familie Platz für 8 Personen gehalten, oder sogar 2 Bänke? Es standen an den Seiten noch genügend Kirchenbänke, damals legte man noch Wert auf den Kirchenbesuch und lauschte sonntags der sorgfältig verfassten Predigt des Pfarrers.

Wie gesagt, die Sitzplätze in der Kirche waren nach reserviert und frei gekennzeichnet und auch die weitere Verwandtschaft fand Platz. In den Seitengängen und im Eingangsbereich waren ausgiebig Stehplätze vorhanden.

Beizeiten ging es am Feiertag morgens zur Kirche, nüchtern ohne Frühstück da wir ja den Leib des Herrn empfangen würden. Für 8:00 Uhr war der Festgottesdienst angesetzt. Die Kommunionkinder mussten dazu ihr Kommunionkleid oder den Kommunionanzug anziehen. Auch die anderen Teilnehmer trugen ihre guten Kleidungsstücke, der Schmuck war angelegt und die Schuhe auf Hochglanz poliert.

Genau kann ich den Hergang der kirchlichen Feier nicht mehr erzählen, dazu war ich zu aufgeregt das alles genau wir geplant verlief. Als der Festgottesdienst vorbei war, hatten meine Klassenkameraden, Freunde und Freundinnen alle ein befreites Lächeln auf dem Gesicht.

Zu Hause brach dann kurzzeitig die Hektik aus, wir mussten kurz frühstücken bevor es jemandem vor Hunger schlecht wurde. Zwischendurch bekam ich die Geschenke meiner Paten überreicht. Mein Großvater schenkte mir die 1. Armbanduhr meines Lebens und meine Großmutter ein Kettchen mit einem goldenen Kreuz zum Umhängen.

Immer wieder klingelte es an der Haustüre und Freunde und Bekannte brachten ebenfalls kleine Geschenke zu meiner 1. Heiligen Kommunion vorbei und bekamen als Dankeschön eine Tafel Schokolade überreicht.


Gegen Abend war mein Gabentisch voller Alpenveilchen, Rotkäppchen Saft, Buntstiften usw. Ab und zu auch ein kleines Scheinchen, was mich umso mehr freute. Die großen Geschenke waren damals nicht üblich. Außerdem konnte sie sich niemand leisten.

Nach dem Mittagessen kamen nun die anderen, mir wichtigen Gäste. Meine Cousins und Cousinen von der Gendringer Straße mit ihren Eltern, meine Onkel aus Bocholt und Krefeld mit dessen Familien. Und aus Bocholt, die Geschwister und Schwäger meiner Großmutter, die brachten Stimmung mit, denen war nicht bange vor dem einen oder anderen Schnäppsken. Auch dass mein Cousin beim Nachfüllen den Zucker mit dem Salz vertauschte tat der guten Stimmung am Kaffeetisch keinen Abbruch, das Schnäppsken spülte den bitteren Geschmack schon weg. Man freute sich eben, dass man beisammensaß und im Kreise der Familie von den alten Zeiten erzählte.

 

Nachmittags, so zwischen Mittagessen und Kaffeetafel war um 15:00 Uhr Festandacht für alle Kommunionkinder und deren Familien in der Pfarrkirche. Nach der Messe gab es für jedes Kommunionkind ein Geschenk der Pfarrgemeinde, ein Bildnis von einem christlichen Geschehen und auf der Rückseite stand das Datum des Festtages.






Am anderen Tag, einem Montag und somit einem Werktag, war morgens um 9:00 Uhr gemeinsame Messe der Kommunionkinder mit den Angehörigen, die dafür abkömmlich waren. Danach war für die Kommunionkinder noch schulfrei.

Die Jungen, die die nun zur 1. Hl. Kommunion gegangen waren, konnten jetzt Messdiener werden. Mädchen übten dieses Amt in den 60iger Jahren noch nicht aus.

Die Mädchen und Jungen durften allerdings zu Fronleichnam und zu Allerheiligen zur Prozession wieder ihre Kommunionkleider anziehen und als Engelchen die Prozession begleiten. Für die Kommunionkinder eine große Ehre die wir gerne wahrnahmen.

Alles in Allem - wir hatten immer Spaß wenn die Familie zusammenkam und das hat sich bis heute nicht geändert.


 


An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, denen von Euch zu danken, die mit mir  während der Vorbereitungen für diese Erzählungen in unserer Vergangenheit herumstöbern und so manche Geschichte und Fotos beisteuern. Lieben Dank meinen Cousinen und meiner Schulfreundin Marlies Holt, die über einen nicht enden wollenden Vorrat an vergangenen Erlebnissen aus ihrem Gedächtnis hervorholen kann. Auf weitere, gute Zusammenarbeit!